Das Jahr der großen Herausforderungen

© Klaus Lammai/Regiopress

Das war beileibe kein leichtes Jahr. Das Weinjahr 2023 wird als Jahr der großen Herausforderungen in die Weingeschichte eingehen. Auch in Winningen, ja vielleicht sogar ganz besonders in Winningen. Dabei sah es zunächst gar nicht schlecht aus. Die Witterung spielte in den ersten sechs bis sieben Monaten gut mit. Die Blüte verlief sogar sehr gut. In kurzer Zeit verblühten die Gescheine und der Fruchtansatz war durchaus üppig.

Es gab keine Frostschäden. Im Januar und Februar wiesen die Durchschnittstemperaturen der Winninger Wetterstation sogar 5,6 bzw. 5,5 °C auf. Im März waren es 10 °C und der Mai brachte überdurchschnittliche 14,8 °C. Der Juni war dann es warm mit 20,9 °C im Schnitt. Bei zufriedenstellender Wasserversorgung mit 220 Liter Regen von Januar bis Ende Juni stimmten die äußeren Bedingungen für ein erfolgreiches Weinjahr. Die fatale Wetterwende ereignete sich ab der letzten Julidekade bis zum Beginn der Lese Mitte September. Sage und schreibe fast 200 Liter Regen in den drei wichtigsten Monaten für die Endphase der Traubenentwicklung bis in die Reife sind einfach zu viel. Das können selbst die robustesten Rebsorten nicht verkraften. Dies alles hatte Einfluss auf den Gesundheitszustand der Trauben. Fäulnispilze breiteten sich aus. Gerade die Reben in den Winninger Gemarkungsteilen und in den steilen Terrassenlagen sind solche Niederschläge zu dieser Zeit nicht gewohnt. Der Standort Winningen ist nachweislich der trockenste im gesamten Anbaugebiet Mosel. In diesem Jahr 2023 regnete es aber auch in Winningen zu viel, zu stark und zu einem falschen Zeitpunkt.

Dann helfen selbst die konsequentesten weinbaulichen Maßnahmen wie Bodenpflege, sorgfältige Laubarbeiten, termingerechter Rebschutz und Entblättern der Traubenzone wenig, wenn die Witterung mit nassen und warmen Bedingungen nicht mitspielt und den Fäulnispilzen beste Verbreitungsmöglichkeiten bildet. Die Verantwortlichen in den Weingütern mussten sich täglich einen Überblick über den Gesundheitszustand ihrer noch in den Weinbergen befindlichen Trauben verschaffen. Wer zu spät kam, den bestrafte in diesem Jahr die Fäulnis. Es gab zwar wiederum Unterschiede von Weinberg zu Weinberg. Und unerklärlich ist und bleibt die Tatsache, dass auch innerhalb eines Weinbergs die Trauben eines Rebstocks kerngesund und die der  benachbarten Rebe zu 100 % mit Botrytis und Schadpilzen befallen sind.

Das letztendlich doch noch Lesegut für einen sehr guten Weinjahrgang geerntet werden konnte, war vor allem zwei Tatsachen zu verdanken. Erstens den emsigen und fleißigen Helferinnen und Helfern, die das vorhandene Traubenmaterial penibel sortierten und nur gesunde Beeren und Traubenteile in ihre Eimer lasen. Zweitens der gebotenen Eile, die diesjährige Lese möglichst schnell zu bewältigen, um die Ausbreitung der Fäulnis zu vermindern. Die Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen werden die großartigen Leistungen ihrer Leseteams sicher zu schätzen wissen. In den Kellern reift nun ein hervorragender Wein heran, dem die großen Herausforderungen des Jahrgangs nicht anzumerken bzw. anzuschmecken sein wird.

Die Traubenverarbeitung erfolgte sehr schonend. Die Gärung setzte problemlos ein. Die Mostgewichte waren mit 80 bis über 90 °Öchsle beim Riesling sehr zufriedenstellend. Dank der aufwändigen Selektion gelang es vielen Weingütern hochwertige edelsüße Spezialitäten wie Auslesen, Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen zu gewinnen. Wer sich in der Winninger Gastronomie oder in den Winzerschänken einen Federweißer gönnte, wird festgestellt haben, dass der 23er von viel Frucht und Aroma geprägt ist.

Abstriche müssen die Winninger Weingüter sicher bei der eingebrachten Erntemenge machen. Noch im Juli sah es so aus, dass der diesjährige Ertrag rekordverdächtige Höhen erreichen könnte. Die Prognosen aus allen deutschen Weinbaugebieten sagten dies voraus. Doch gerade in solchen Jahren wird deutlich, was die alte Winzerweisheit besagt: Man kann einen Weinjahrgang erst dann beurteilen, wenn der neue Wein im Keller liegt. An der Mosel wird ein Gesamtertrag von 710.000 hl geschätzt. Das sind 2 % weniger als im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. In Winningen liegt der Ertrag in den Weingütern wohl noch niedriger. Zu viel Traubenmaterial fiel der Fäulnis zum Opfer und musste folgerichtig auch den Boden geschnitten werden oder bleib ungelesen am Rebstock hängen.

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass die Verbraucher und Weinfreunde auf die ersten Weinproben und Präsentationen des 2023ers gespannt sein dürfen. Das Jahr 2023 ist wohl eines dieser Jahre, in denen sich sehr schnell die „Spreu vom Weizen“ trennt. Aber auch und vielleicht gerade daher sind solche Weinjahre der großen Herausforderungen besonders spannend. Die Winninger Weingüter haben hoffentlich ihre Hausaufgaben gemacht und können mit hervorragenden Weinqualitäten am Markt überzeugen.   G.K.

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